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Das Projekt Experienced-lnvolvement (EX-IN)

Im Jahr 2005 entstand in Bremen und Hamburg eine Initiative, die den Grundgedanken der Offenen Herberge weiterentwickelt. Mit dem Projekt Experienced-Involvement (EX-IN, s. www.ex-in.info) werden Psychiatrie-Erfahrene ausgebildet, in der Psychiatrie als Genesungsbegleiter oder Dozenten gegen Bezahlung zu arbeiten. Im Januar 2008 hat sich eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel gegründet, EX-IN auch in Baden-Württemberg einzuführen. Zuerst unter dem Dach des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener ist EX-IN BW seit Juli 2009 in der Trägerschaft der Offenen Herberge. Im Oktober 2010 startete der erste Kurs in Stuttgart mit bis jetzt guten Rückmeldungen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen.


 

Jeden Monat wird eines der elf Ausbildungsmodule an drei zusammenhängenden Tagen unterrichtet.

                               
  • Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden
  • Empowerment in Theorie und Praxis
  • Erfahrung und Teilhabe
  • Trialog
  • Perspektiven und Erfahrungen von Genesung (Recovery)
  • unabhängige Fürsprecher in der Psychiatrie
  • Selbsterforschung 
  • Assessment
  • Begleiten und Unterstützen
  • Krisenintervention
  • Lernen und Lehren
   

 


 Die Ausbildung dauert ein Jahr und umfasst inklusive der Portfolioarbeit (Bestandsaufnahme und Zukunftsplanung) 3oo Unterrichtsstunden. ln Baden-Württemberg wird die Ausbildung durch eine EX-IN-zertifizierte Psychiatrie-Fachperson und ein dreiköpfiges Team von EX-IN-zertifizierten Psychiatrie-Erfahrenen geleitet. Die Fachperson und eine Psychiatrie-Erfahrene unterrichten im Tandem. Nach dem ersten Modul des jeweiligen Semesters entscheidet sich der Kursteilnehmer für die vertraglich verbindliche Teilnahme an den folgenden Modulen.

Es werden keine Klausuren geschrieben.

Bei der Ausbildung ist man davon überzeugt, dass die Überwindung von seelischen Krisen zu erfahrungsbasierter Empathie führen kann. Oft verfügen die EX-INler über vieljährige Erfahrungen mit der psychiatrischen Versorgung, jahrelanges Engagement in der Selbsthilfe und kennen zahlreiche Biografien und Störungsbilder von psychisch erkrankten Menschen.



Ein Leitgedanke von EX-IN lautet: ››Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen«. im ersten Schritt tauschen sich die Kursteilnehmer intensiv über ihre Genesungserfahrungen in Kleingruppen aus. Hierzu wird vom Ausbildungstandem ein thematischer und methodischer Rahmen vorgegeben. Im Plenum werden die Ergebnisse der Kleingruppen vorgestellt, diskutiert und reflektiert. Verschiedene Lebensentwürfe, Sichtweisen und Erklärungen werden gegenübergestellt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede benannt.

Die Kursteilnehmer lernen über die eigene Erfahrung hinaus ausführlich die Lebensentwürfe und Genesungswege anderer kennen. Um einen Blickwinkel zu vermeiden, der sich ausschließlich auf individuelle Erfahrungen, Werte und Erfahrungen beruft, wird im letzten Schritt versucht, eine gemeinsame und von allen akzeptierte »EX-IN-Haltung« zu erarbeiten, die als Richtschnur für die spätere Arbeit dienen soll.

Dies ist ein durchgangiges Prinzip der Ausbildung, für die unterschiedlichsten Themen und Fragestellungen. So wird also aus individueller Erfahrung mit psychischen Krisen (Ich-Wissen) allgemein anwendbares kollektives Erfahrungswissen (Wir-Wissen).

 


Der Einsatz von EX-INlern ist innovativ. Die EX-INler sind sich dieser Tatsache bewusst und auf etwaige Rollen- und Loyalitätskonflikte im Rahmen ihrer späteren Arbeit vorbereitet. Dass eine Abgrenzung durch die eigene Krisenerfahrung erschwert sein könnte, wird ebenfalls während der Ausbildung thematisiert.

Die Kursteilnehmer werden durch EX-IN BW vom Patienten zum Experten durch Erfahrung und wollen ihre Kompetenzen zum Wohl psychisch leidender Menschen und für eine bessere psychiatrische Versorgung einsetzen. Ein wertschätzender und respektvoller Umgang mit anderen Menschen ist eine Grundhaltung von EX-IN.

Seelisch leidende Menschen werden nicht anhand ihrer Diagnosen bewertet, sondern ihnen wird unvoreingenommen in ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit und in ihrem sozialen Umfeld begegnet. EX-IN bevorzugt einen verstehenden Zugang zu den Lebensumständen der Klienten und Klientinnen.

Es besteht eine sachliche Haltung zu Psychopharmaka. Eine ressourcenorientierte Grundhaltung - fundiert durch Konzepte wie Empowerment und Recovery - liegt dem EX-IN-Ansatz zugrunde.


 
Vom zeitlichen Aufwand her scheint die EX-IN-Ausbildung zunächst relativ kurz verglichen mit anderen Ausbildungen im psychiatrischen Arbeitsfeld. Dem gegenuber steht jedoch oft eine jahrzehntelange Genesungserfahrung der EX-INler.

Diese Erfahrungen in Kombination mit der fachlich fundierten Ausbildung befähigen sie in besonderer Weise, auf seelisch leidende Meıischen einzugehen, ihre Genesungserfahrung hilfreich weiterzugeben, psychisch erkrankte Menschen alltagsnah zu begleiten, auf deren individuelle Problemlagen einzugehen und die Nutzung eigener Ressourcen zu fördern.

Die Ausbildung ist so konzipiert, dass die späteren Genesungsbegleiter beziehungsweise Dozenten dieselben Module absolvieren; im Unterricht und beim Stoff wird nicht zwischen Genesungsbegleiter und Dozenten unterschieden.


EX-IN-Absolventen können überall dort arbeiten, wo psychisch erkrankte Menschen auf verstehende Unterstützung und auf einfache praktische Hilfen angewiesen sind. Die Einsatzorte variieren aufgrund der individuellen Neigungen und Fähigkeiten der EX-INler und ihrer persönlichen Schwerpunktsetzung während der Ausbildung.

In der stationären, teilstationären und ambulanten Versorgung addiert sich  das Genesungserfahrungswissen mit dem Fach- und Erfahrungswissen von traditionell ausgebildeten Mitarbeitern. Darüber hinaus können EX-IN-Absolventen auch als Peer-Berater (Beratung von Gleichen) und beziehungsweise oder als Dozenten mit Vorträgen, Workshops und Seminaren aktiv werden.

Obwohl es EX-IN schon seit fünf jahren gibt, steht man immer noch am Anfang. Die Vision ist, dass in Zukunft in nahezu jedem psychiatrischen Helferteam ein EX-INler mitarbeitet. Die Aktivisten von EX-IN und der Offenen Herberge sind davon überzeugt, dass die psychiatrische Versorgung nachhaltig und positiv bereichert wird, wenn Psychiatrie-Erfahrene mit begleiten.

Psychiatrie-Erfahrung macht einen Menschen nicht automatisch zu einem Begleiter. Aber er hat durch seine Erfahrung mit der Überwindung seelischer Krisen bei entsprechender Neigung eine Kompetenz, die nutzbringend in psychosozialer Arbeit eingesetzt werden kann. Durch die Ausweitung der Hilfemöglichkeiten innerhalb des psychiatrischen Hilfesystems wird letztendlich die Lebensqualität von psychisch erkrankten Menschen erhöht und deren Leiden ein Stück weit reduziert.

 


 
Rainer Höflacher, Jahrgang 1961, psychoseerfahren seit 1981, staatlich geprüfter Informatiker, seit 1999 ist er in der Psychiatrie-Selbsthilfe engagiert.

Er ist Geschäftsstellenleíter des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg e. V., Sprecher der Initiative Psychiatríe-Erfahrener in Stuttgart, stellvertretender Vorsitzender der Offenen Herberge e. V. (www.offene-herberge.de) und hat die EX-IN-Ausbildung in Baden-Württemberg gegründet.


Literatur
AMERING, M.; Sci-IMOLKE, M. (2007: Recovery, Das Ende der Unheilbarkeit. Bonn.
BUCK-ZERCHIN, D. (2010): Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung. 3. Auflage, Neumünster
KNUP, A. (2011): Basiswissen: Empowerment in der psychiatrischen Arbeit. Bonn.
UTSCHAKOWSKI, J.; SIELAFF, G.; Bock, T. (2010): Vom Erfahrenen zum Experten. Wie Peers die Psychiatrie verändern. Bonn.

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